Über soziale Medien sprechen heißt, über Haltung zu sprechen
Ich schreibe diesen Text nicht, weil ich Antworten habe, sondern weil mir bestimmte Verkürzungen zunehmend zu kurz greifen. Gespräche über Jugendliche und soziale Medien kreisen oft um Bildschirmzeiten, Plattformen, Verbote und Regeln. Das wirkt pragmatisch, manchmal sogar vernünftig. Und doch habe ich den Eindruck, dass wir uns damit an der eigentlichen Aufgabe vorbeibewegen.
Mein Zugang zu diesem Thema ist kein theoretischer. Er kommt aus der Praxis. Ich bin in Schulprojekten unterwegs, in denen es um seelische Gesundheit geht. Dort begegne ich Jugendlichen nicht als Lehrkraft, nicht als Bewerter, nicht als jemand, der Noten verteilt oder Konsequenzen ankündigt. Ich begegne ihnen als Gesprächspartner. Und genau das verändert etwas.
Ich höre, wie Jugendliche über sich sprechen. Über Druck, über Erwartungen, über Vergleiche, über das Bedürfnis dazuzugehören, sichtbar zu sein oder einfach einmal Ruhe zu haben. Und ich nehme wahr, dass viele sehr genau spüren, was ihnen guttut und was nicht – auch im Umgang mit sozialen Medien. Was ihnen oft fehlt, ist nicht Einsicht, sondern ein Raum, in dem diese Einsichten ausgesprochen werden dürfen – ohne sofort korrigiert, relativiert oder pädagogisch eingeordnet zu werden.
In diesen Gesprächen wird mir klar: Soziale Medien sind selten das eigentliche Thema. Sie sind eher der Ort, an dem sich etwas zeigt. Unsicherheit, Überforderung, die Suche nach Anerkennung, aber auch Kreativität, Verbundenheit und Neugier. Wer nur über das Medium spricht, verpasst den Menschen dahinter.
Deshalb tue ich mich schwer mit rein regulierenden Antworten. Mit der Vorstellung, man könne Orientierung durch Verknappung ersetzen. Natürlich brauchen Jugendliche Grenzen. Aber Grenzen ohne innere Einordnung bleiben äußere Maßnahmen. Sie organisieren Verhalten, aber nicht Haltung.
Was ich als hilfreicher erlebe, ist etwas anderes: Jugendliche dabei zu unterstützen, ihre eigenen Perspektiven zu sortieren. Wahrzunehmen, warum sie etwas tun. Welche Wirkung das auf ihr Wohlbefinden hat. Und welche Alternativen sie für sich sehen. Das ist kein schneller Prozess. Aber es ist ein nachhaltiger.
Vielleicht ist genau das unsere Aufgabe als begleitende Erwachsene: weniger Schrankenwärter zu sein und mehr Rahmenbauer. Räume zu schaffen, in denen Logik wirken darf. In denen Jugendliche nicht genötigt werden, „das Richtige“ zu tun, sondern in denen sie selbst zu stimmigen Entscheidungen kommen können.
Ich engagiere mich in diesen Projekten, weil ich dort erlebe, dass Jugendliche sehr wohl zur Reflexion fähig sind – wenn man ihnen zutraut, dass sie es sind. Und weil ich überzeugt bin, dass seelische Gesundheit nicht durch Verbote entsteht, sondern durch Orientierung, Sprache und Beziehung.
Und vielleicht beginnt genau dort eine Form von Verantwortung, die nicht verordnet werden kann.