Kommen Dinge in Bewegung?

Kommen Dinge in Bewegung? Klagen gegen Snap und der KIDS Act zeigen: Beim Jugendschutz rückt zunehmend die Verantwortung der Plattformbetreiber in den Fokus.

Kommen Dinge in Bewegung?

In den vergangenen Tagen häufen sich Meldungen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. In den Niederlanden gehen Organisationen juristisch gegen Snap vor und werfen dem Unternehmen unter anderem suchtfördernde Gestaltungselemente bei Snapchat vor. Gleichzeitig hat die EU-Kommission mit dem KIDS Act neue Regeln für den Schutz von Kindern und Jugendlichen auf digitalen Plattformen vorgeschlagen.

Einzelne Klagen, politische Forderungen und Gesetzesvorhaben machen noch keinen grundlegenden Wandel. Auffällig ist aber, dass sich die Fragestellung verändert.

Lange lautete die unausgesprochene Haltung gegenüber digitalen Plattformen häufig: Wenn dir das Angebot nicht gefällt, nutze es nicht. Wenn Eltern bestimmte Inhalte oder Funktionen problematisch finden, müssen sie eben dafür sorgen, dass ihre Kinder fernbleiben.

Inzwischen wird zunehmend eine andere Frage gestellt:

Welche Verantwortung trägt eigentlich derjenige, der einen digitalen sozialen Raum gestaltet?

Bei Snapchat wird das beispielsweise an den sogenannten Streaks sichtbar. Zwei Menschen schicken sich täglich gegenseitig einen Snap. Hält diese Serie lange genug, entsteht daraus eine sichtbare Zahl mit einer Flamme. Wird die tägliche Folge unterbrochen, verlieren beide ihren gemeinsam aufgebauten Streak. Aus einer kleinen Designentscheidung kann damit sozialer Druck entstehen: Nicht nur die eigene Serie steht auf dem Spiel, sondern auch die des anderen.

Genau solche Mechanismen geraten inzwischen stärker in den Blick. Nicht mehr ausschließlich das Verhalten der Nutzer wird betrachtet, sondern auch die Gestaltung der Plattform selbst.

Vielleicht ist das der eigentlich interessante Punkt hinter den jüngsten Entwicklungen: Der Schutz von Kindern und Jugendlichen soll nicht nur dadurch erreicht werden, dass man ihnen bestimmte Angebote verbietet oder Eltern stärker in die Pflicht nimmt. Zunehmend wird darüber gesprochen, die Anbieter selbst dafür verantwortlich zu machen, wie ihre Plattformen funktionieren.

Ein Vergleich mit der analogen Welt liegt nahe. Auch Schulen sind soziale Räume, in denen Mobbing, Leistungsdruck und andere Belastungen auftreten können. Die gesellschaftliche Antwort darauf besteht aber nicht darin, Kinder aus der Schule fernzuhalten. Schulen müssen innerhalb gesetzlicher Regeln dafür sorgen, dass dieser Raum möglichst sicher gestaltet wird.

Warum sollte dieses Prinzip bei digitalen sozialen Räumen grundsätzlich anders sein?

Plattformen können ihre eigenen Ideen, Funktionen und Geschäftsmodelle entwickeln. Aber wie bei anderen gesellschaftlich relevanten Angeboten könnte zunehmend gelten: Wer einen solchen Raum anbietet, muss ihn innerhalb verbindlicher Regeln gestalten.

Vielleicht kommen also tatsächlich Dinge in Bewegung.

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