Es gibt Sätze, die in Sekundenbruchteilen eine komplette Zukunft verraten.
Einer davon lautet:
„Moment, ich hab’s passend.“
In genau diesem Augenblick wusste ich: Den Bus, den ich theoretisch noch hätte erreichen können, werde ich heute nicht mehr erreichen.
Nicht, weil ich hellsehen kann. Sondern weil mein Gehirn sofort den Film gestartet hat.
Jetzt wird die Geldbörse geöffnet.
Jetzt werden die Münzen gesucht.
Jetzt wird gezählt.
Jetzt wird noch einmal gezählt.
Und irgendwo in der Ferne schließt ein Busfahrer bereits die Türen.
Der eigentliche Satz lautet nämlich gar nicht: „Ich hab’s passend.“
Er lautet übersetzt:
„Ab jetzt gelten die Gesetze der Kleingeldphysik. Bitte stellen Sie alle Hoffnungen auf Pünktlichkeit ein.“
Doch damit ist das Drama noch längst nicht zu Ende.
Denn es gibt eine Fortsetzung.
Die Münzen liegen bereits fein säuberlich auf dem Kassentresen.
Neunzig…
Fünfundneunzig…
Siebenundneunzig…
Achtundneunzig…
Dann Stille.
Ein prüfender Blick.
Und schließlich der Satz, den niemand hören möchte:
„Ach nee… drei Cent fehlen.“
Nun beginnt die große Rückabwicklung.
Alle Münzen wandern wieder zurück in das Portemonnaie. Sorgfältig. Schließlich herrscht Ordnung.
Danach wird doch der Zehn-Euro-Schein hervorgeholt.
Der Bus ist inzwischen nicht nur abgefahren. Er hat vermutlich schon die nächste Haltestelle erreicht, einen Fahrgastwechsel hinter sich und diskutiert mit dem Fahrer der Gegenlinie über die Vorzüge eines pünktlichen Feierabends.
In solchen Momenten fragt man sich unwillkürlich:
„Womit habe ich oder einer meiner Vorfahren sich versündigt, dass ausgerechnet ich das jetzt erleben muss?“
Das Faszinierende ist allerdings: Die Dame meint es gut.
Sie möchte der Kassiererin das Herausgeben von Wechselgeld ersparen.
Ein vernünftiger Gedanke.
Nur trifft dieser vernünftige Gedanke leider auf die ebenso vernünftige Idee, den Bus noch erreichen zu wollen.
Und dann passiert manchmal etwas, das den Glauben an die Menschheit für einen kurzen Augenblick wiederherstellt.
Ein Kunde aus derselben Schlange greift in die Hosentasche.
„Hier, ich habe die drei Cent.“
Keine große Geste.
Kein Heldentum.
Einfach drei kleine Münzen.
Doch plötzlich ist das Problem verschwunden.
Die Dame ist erleichtert.
Die Kassiererin kann kassieren.
Die Warteschlange atmet hörbar auf.
Und irgendwo hat ein Bus wieder eine realistische Chance, nicht zur tragischen Nebenfigur dieses Einkaufs zu werden.
Gut, meinen Bus habe ich nicht mehr bekommen.
Aber ich durfte etwas erleben, das heute fast wertvoller ist als ein pünktlicher Anschluss.
Ein Mensch griff ganz selbstverständlich in die Tasche, legte drei Cent auf den Tresen und beendete damit das gesamte Drama.
Nicht, weil es um drei Cent ging.
Sondern weil jemand den Moment erkannte und einfach half.
Manchmal braucht es erstaunlich wenig, um den Glauben an die Menschheit wieder ein kleines Stück zu stärken.
An diesem Tag waren es genau drei Cent.